Nicht die ganze Wahrheit

Wie eine Sonde treibt er durch die Gesellschaft: Eine klassische Aufgabe und Kompetenz der literarischen Figur des Detektivs ist die, in verschiedenen gesellschaftlichen Hemisphären zu Hause zu sein - und als Agent seiner Leser die "anderen" Schichten zu durchkreuzen und durchleuchten. Was liegt also näher als einen Detektiv erzählen zu lassen, wenn man als Journalist die mediale Sicht der Dinge brechen und das Private im Politischen aufzeichnen möchte?

Der Detektiv ist auf Seitensprünge und Ehemänner spezialisiert. Im Auftrag der Frau eines bundesdeutschen Parteivorsitzenden soll er herausfinden, ob der Politiker eine heimliche Affäre hat. Er hat - da ist die Frau ganz sicher, aber natürlich braucht es Beweise und Dokumente, um ganz sicher zu sein und so dem Gatten leise, aber effektiv seine Grenzen setzen zu können.

Krimi - ja oder nein?

Der Privatermittler setzt sich also auf die Spuren des (man kann es ruhig sagen: vermutlich sozialdemokratischen) Machers und hält Ausschau, wer die Auserwählt denn sein könnte. Nicht einfach, so eine Suche, bei der man nicht auffallen darf, aber der Detektiv wird fündig: Die Geliebte des Reformers ist - ausgerechnet - ein junge, reformkritische, "linke" Abgeordnete aus dem Osten. Und die Liebesgeschichte der beiden ist so, na ja, zart und ehrlich und besonders, dass der Schnüffler sich auch etwas ganz Besonders einfallen lassen muss, um sowohl seiner Auftraggeberin wie auch den Liebenden gerecht zu werden …

Tja, ist das nun ein Kriminalroman? Ja und nein: Eigentlich nicht, denn "Nicht die ganze Wahrheit" spielt zwar sehr klug mit den Mustern des Detektivromans, aber für die Krimihandlung interessiert man sich bei diesem Buch eigentlich am allerwenigsten. Andererseits erfüllt dieses Buch die Muster dies Genres auch ohne Genre zu sein. Und weil Kriminalliteratur immer nur dann wirklich gute Literatur sein kann, wenn sie Grenzen überschreitet und die Regeln, die sie zu beachten hat, auch bricht - warum eigentlich nicht?

Die toten Winkel der Politik

Dirk KurbjuweitBildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift:  Dirk Kurbjuweit

Deshalb: "Nicht die ganze Wahrheit" ist ein kluger, spannender und sehr lesenswerter Kriminalroman, dessen Ermittlung ins Herz der Politik führt. Autor Dirk Kurbjuweit, der die Berliner Redaktion des "Spiegel" leitet, versucht da die Menschen in den Hüllen der öffentlichen Protagonisten zu zeigen, die hinter Reformen, Entscheidungen, Aktionen, Protesten stehen. Das kann, so unterhaltsam und lehrreich es ist, per se natürlich nur misslingen, wenn auch auf hohem Niveau, weil Kurbjuweit das nicht-politische Wesen der politischen Wesen auch nur von außen kennt. Macht aber nichts, weil Kurbjuweit klasse schreiben und plotten kann und eine sehr genaue Beobachtungsgabe sein Eigen nennt.

Und so bleibt am Ende ein spannender Eindruck: von den Seitenblicken des Profijournalisten auf die Nuancen, Nischen, Zwischenräume und toten Winkel der Politik in der Berliner Republik. Toll, auch so etwas leistet "Krimi" heutzutage.

Ulrich Noller

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