Draußen vor der Tür
Das Stück erzählt die Geschichte des Russlandheimkehrers Beckmann aus der Gefangenschaft. Als er ins zerstörte Hamburg zurückkehrt, findet er nicht Heim und Familie vor, sondern der kleine Sohn liegt unter Trümmern verschüttet, und der Platz an der Seite seiner Frau ist von einem anderen Mann besetzt.
Seine Versuche, sich in die Gesellschaft der Nachkriegsjahre einzugliedern, scheitert. In der bürgerlichen Welt, die ihre Ordnung mit den im wesentlichen unveränderten alten Strukturen schnell wiedergefunden hat, ist kein Platz für einen Außenseiter. Erst recht nicht für einen wie Beckmann, der an der Vergangenheit rührt und den Finger unerbittlich in die noch offenen Wunden legt, die man durch hektischen Wiederaufbau rasch zu schließen versucht. Beckmann ist, wie es in der Vorbemerkung zum Stück heißt, "einer von denen, die nach Hause kommen und die dann doch nicht nach Hause kommen, weil für die kein Zuhause mehr da ist. Und ihr Zuhause ist dann draußen vor der Tür. Ihr Deutschland ist draußen , nachts im Regen, auf der Straße. Das ist ihr Deutschland.”
Opfer und Täter
Auch seine von Kriegserlebnissen herrührende Schuldgefühle nimmt Beckmann keiner ab. Die grausamste seelische Verwundung, die der Krieg ihm beigebracht hat, nämlich Opfer, gleichzeitig aber auch Täter zu sein, ist nicht zu heilen, nicht in einer Welt, die Scheuklappen und Verdrängen einer ehrlichen, wenn auch schmerzhaften Auseinandersetzung vorzieht.
Beckmann, der Kriegsheimkehrer mit dem steifen Knie und der grotesken Gasmaskenbrille, beschließt seinem Leben ein Ende zu setzen. Doch die Elbe, in die er sich stürzt, wirft ihn wieder ans Ufer zurück. Nochmals muss er versuchen, im Leben wieder Fuß zu fassen. Aber alle seine Versuche schlagen fehl. Eine Frau nimmt ihn mit und schenkt ihm die Kleider ihres verschollenen Mannes. Doch dieser kehrt einbeinig und auf Krücken zurück. Das eine Bein verlor er, als Beckmann ihm befohlen hatte, auf seinem Posten auszuharren. Diese Verantwortung drückt Beckmann.
Er sucht seinen ehemaligen Oberst auf, um ihn die Verantwortung zurückzugeben, die ihm jener im Krieg für einen Spähtrupp aufgeladen hat. Die Folgen davon sind die Ursachen, die ihn nicht mehr schlafen lassen. Aber der Oberst hält ihn für geistesgestört und lacht ihn aus. Ein Kabarettdirektor bei dem er mit tristen Liedern auf die Leiden des Krieges um Arbeit bittet, schickt Beckmann weg. Denn keiner will mehr etwas von der Wahrheit wissen. Er solle sich erst mal einen Namen machen, denn darauf steht das Publikum.
Kein Recht auf Selbstmord
Als er seine Eltern besuchen will, erfährt er von einer Frau Kramer, dass sich die beiden Alten das Leben genommen haben. Da will Beckmann nun endgültig aufgeben. Sein Weg führt erneut zur Elbe. Sein anderes ”Ich” - das lebensbejahende und optimistische Alter-Ego versucht ihn vergebens zur Umkehr zu bewegen. Verzweifelt wendet er sich (in einem Traum) an Gott, einen alten Mann, an den keiner mehr glaubt, und an den Tod, den er bittet, eine Tür für ihn offen zu halten. Aber nicht einmal der Tod will Beckmann, er hat sich total überfressen im Krieg; auch seine ”Mörder” erscheinen ihm nochmals: der Oberst, der Direktor, Frau Kramer, seine Frau mit ihrem neuen Freund; am Ende kommt der Einbeinige, um von Beckmann Rechenschaft zu fordern - er ist in die Elbe gegangen - und so ist Beckmann ebenfalls zum Mörder geworden. Als er aus dem Traum erwacht, muss er erkennen, dass er kein Recht auf Selbstmord hat, dass er allein weiterleben muss, verraten wie er ist: Keiner hört ihn und keiner gibt ihm eine Antwort.
Begründung der "Trümmerliteratur"
Mit ”Draußen vor der Tür” und anderen Erzählungen begründete Wolfgang Borchert, der im Alter von nur 26 Jahren starb, die sogenannte Trümmerliteratur und mit dem vom Norddeutschen Rundfunk produzierten Stück begann die große Zeit des deutschen Nachkriegshörspiels, die Zeit der ”inneren Bühne” zwischen Imagination und Realität.
Seither ist viel über die Qualität des Textes gestritten worden, über die Längen der Monologe, die Larmoyanz von Beckmanns Anklagen, die literarische Reife des Autors im allgemeinen. Doch ”Draußen vor der Tür” traf damals den Nerv nicht nur der Kriegsheimkehrer. Borchert fand Worte für Trauer, Entsetzen und Abscheu und formulierte in seinem Werk einen zeitlos gültigen Pazifismus.
Matthias Klaus | www.dw-world.de | © Deutsche Welle.