Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen

Der Wahnsinn. 50 Minuten lang. Zum Schaudern. Aber auch seltsam faszinierend. Vor allem durch die Stimme des Tischvorstehers Poprischtschin - gesprochen von Ueli Jäggi.

Heute hat sich ein ungewöhnlicher Vorfall ereignet. Ich stand morgens ziemlich spät auf. Ich wäre gar nicht ins Departement gegangen, denn ich wusste schon im voraus, was für eine saure Miene unser Abteilungsleiter ziehen würde. Er hat schon immer gesagt: "Was ist denn da für ein Wirrwarr in Deinem Kopf? Freundchen, Freundchen …!“

Unterdrückt und gedemütigt geifert der Tischvorsteher seinen Abteilungsleiter an. Seinem Direktor steht er hingegen vorschriftsgemäß zu Diensten. Und dessen hübsche, elfenähnliche Tochter besetzt seine Phantasie. Ergreift ihn, macht ihn besessen, zumal ihr kleiner Hund zu ihm spricht.

Grandiose Sprech-Besetzung

Ueli Jäggi vom Sprechtheater Zürich, bekannt als Könner des Kautzigen und Kryptischen, ist eine grandisose Besetzung. Wer könnte die "Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ von Nikolai Gogol, geschrieben 1835, authentischer mit Leben erfüllen? Mal zurückhaltend, fast flüstern, tastend, mal sachlich-pragmatisch und dann plötzlich vulkanisch brodelnd oder auch wahrhaft "irre“ klingend - das alles (und noch viel mehr) umfasst Jäggis Ausdrucksvielfalt.

Noch war keine Minute vergangen, als ich ein feines Stimmchen hörte. Guten Tag, Magi!“ Was ist denn das? Wer spricht denn da? Ich Dreh mich um und sah zwei Damen unter einem Regenschirm vorbeigehen. Die eine war alt, die andere jung. Und schon waren sie vorbei, da hörte ich neben mir wieder: "Keine Sünden mögen über Dich kommen, Magi!“ Zum Teufel auch! Ich sah, dass sich Magi mit dem Hündchen beschnupperte, der zu den Damen gehörte. Jetzt hört doch alles auf! Bin ich denn betrunken?

Qualen eines "Thronfolgers"

Der Tischvorsteher landet schließlich in der Psychiatrie, weil er sich in die Idee verrannt hatte, König Ferdinand VIII. zu sein, der spanische Thronfolger. Das sucht man Poprischtschin "auszutreiben“. 

Nein, ich habe keine Kraft mehr, es zu ertragen. Mein Gott, was tun sie mit mir? Sie gießen mir kaltes Wasser über den Kopf. Sie achten meiner nicht. Sie hören nicht auf mich. Ich bin ein Nichts für sie. Was hab ich ihnen getan, weshalb quälen sie mich? Was wollen sie von mir Armen? Was kann ich ihnen denn geben? Ich habe nichts. Ich habe keine Kraft mehr. Ich kann ihre Qualen nicht mehr ertragen. Mein Kopf brennt. Und alles dreht sich vor mir.

2002 hatten Gogols "Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ am Schauspielhaus Zürich Premiere - unter der Regie von Anna-Sophie Mahler. Dem Hörbuch sei zu wünschen, dass es die Erinnerung an jene Aufführung bewahrt, die als sprach-virtuose Meisterleistung in die Theatergeschichte einging.

Kristine von Soden

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