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Buchtipp

Norbert Scheuer: Flussabwärts

Genau und lakonisch, mit einem feinen Gespür für Stimmungen und Landschaften beschreibt Norbert Scheuer eine Welt, deren herbe Schönheit zuviel Unglück anzieht und der man doch standhalten muss.

Idyllische Landschaften sind keine Garantie für das Glück. Norbert Scheuer beschreibt in seinem Roman "Flussabwärts" das Leben der Menschen in einem kleinen Eifel-Dorf. Weite Felder und tiefgrüne Wälder prägen diese Landschaft, die kurz hinter Köln beginnt. Kurvige Landstraßen führen von einem kleinen Dorf ins andere; fast immer findet man in der Ortsmitte eine Kirche. So schön wie die Umgebung ist das Leben auf dem Land keinesfalls: Wo lärm-geplagte Städter am Wochenende Ruhe und Erholung suchen, gibt es kaum Perspektiven. Das bisschen Arbeit in den Steinbrüchen oder Zement-Fabriken ist hart.

In einer dieser Fabriken arbeitete Leo in seiner Jugend. Leo, Hauptfigur und Ich-Erzähler des Romans fährt gelegentlich mit Zug in seinem Heimatort, um seine Mutter zu besuchen. Diese Fahrten werden zu Zeitreisen in die eigene Vergangenheit. Sehr genau beschreibt der Autor die Enge in dem begrenzten Mikrokosmos von Leos Heimatdorf, die ihm aus eigenen Erfahrung bestens vertraut ist. Norbert Scheuer, der seinen Lebensunterhalt als Systemprogrammierer verdient und vor zwei Jahren seinen ersten Roman schrieb, stammt selbst aus der Eifel. Jeder, der wie er in der Provinz aufgewachsen ist, dürfte die typische Kleinstadt-Atmosphäre gut kennen: Ständige gegenseitige Beobachtung; Tratsch und Klatsch lassen kaum Raum für Geheimnisse.

Die Menschen ziehen das Unglück an ...

So wächst auch Leo in den 1960er Jahren in der 4000-Seelen-Gemeinde Kall auf. Er träumt vom Aufstieg in die Fußball-Bezirksliga, einer Karriere als Ingenieur und von Ingrid, seiner ersten großen Liebe, die nach einem kurzen Abenteuer zu ihrem Mann zurück geht. Leos Eltern betreiben ein Gasthaus, das sich nicht rentiert. Nach der Pleite schuftet der Vater auf Baustellen in ganz Deutschland. Die Mutter arbeitet als Küchenhilfe in einer Kantine und kellnert abends in der Wirtschaft, die ihnen einmal gehörte. Die Eltern streiten oft und betrügen sich. Auch die Beziehungen Lias, die früher bei Leos Eltern gearbeitet hat, scheitern. Der Vater ihres Kindes verlässt sie, ihre zweite Ehe zerbricht, die Affäre mit einem verheirateten Mann aus dem Dorf hat keine Zukunft.

Die Menschen hier scheinen das Unglück anzuziehen. So wie der Fluss, der nahe des Provinzstädtchens fließt, geht es auch im Leben der Romanfiguren immer mehr den Bach runter. Norbert Scheuer verbindet ihre traurigen Lebensgeschichten mit einer genauen Beschreibung der Orte, die sie umgeben.

... aber das Leben geht immer weiter

Doch trotz aller Schicksals-Schläge steckt auch viel Hoffnung in dieser spannenden Geschichte, die sich am Ende so verdichtet, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen mag. Denn so wie dem kalten Winter warme Sommertage folgen, geht auch das Leben der Dorfbewohner immer weiter. Eine Erkenntnis, die Protagonist Leo auf einer der Zugfahrten zieht, ist, dass Orte niemals für das eigene Scheitern verantwortlich sind: "Ich dachte, das ich in Kall niemals das finden würde, was ich suchte. Ich weiß mittlerweile, dass es nicht an Kall lag; das meiste, was gut oder schlecht an dieser Gegend ist, stammt von mir selbst."

 

André Kröll

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Weitere Schlagzeilen

Das Buch Kompakt
  1. Norbert Scheuer: Flussabwärts
  2. Verlag: C.H. Beck, 2002
  3. ISBN: 3-406-49312-2
  4. Preis (EURO): 17.90


 
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