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Buchtipp

Mascha Rolnikaite: Ich muss erzählen

Als die Deutschen am 24. Juni 1941 die litauische Hauptstadt Wilna besetzen, ist Mascha dreizehn Jahre alt. Unter widrigen Umständen dokumentiert sie das Geschehen in einem Tagebuch und wird so zur Chronistin des Wilnaer Ghettos und der Zeit danach.

"Ich muss erzählen", hat die litauische Autorin Mascha Rolnikaite häufig gesagt. Erzählen, um zu erinnern. Erzählen, damit sich das Schreckliche nicht wiederholt. Rund 240.000 Juden lebten vor dem zweiten Weltkrieg in Litauen. Bei der letzen Volkszählung Ende der achtziger Jahre waren es noch rund 12.000. 94 Prozent der jüdischen Bevölkerung wurden von den Deutschen ermordet – eine kaum vorstellbare Grausamkeit, die nur durch Berichte von Zeitzeugen lebendig bleibt, wie das im Kindler-Verlag neu herausgegebene Tagebuch von Mascha Rolnikaite.

Mascha Rolnikaite hat als Jüdin in Wilna den Vernichtungszug der Deutschen durchlitten. Sie ist dreizehn , als die Deutschen am 24.Juni 1941 die litauische Hauptstadt – das "litauische Jerusalem" - besetzen. Und sie ist eine genaue Beobachterin. Ohne Auslassungen und Beschönigungen beschreibt Rolnikaite das Leben im Ghetto von Wilna - mit dem bedrückenden Wissen um die mörderischen Absichten der deutschen Besatzer.

Chronik einer Menschenjagd

Immer wieder werden Menschen gejagt, zusammengetrieben und abtransportiert. Auch Mascha weiß, wohin sie gebracht werden: nach Paneriai (Ponar), südwestlich von Wilna, wo sie vor Massengräben erschossen werden. Als Mascha einen aus dem Schlaf gerissenen Mann beobachtet, der dem Abtransport einiger Familien aus der Nachbarschaft zuschaut, fragt sich das Mädchen:

"Ob ihn wohl im Schlaf der Gedanke stört, dass jetzt, während er so süß dahinschlummert, dort in Ponar Tausende nackte Menschen in die von Regen und Blut aufgeweichten Gruben fallen ? Einer auf den anderen , mit zurückgeworfenen Armen, mit angst- und schmerzverzerrtem Gesicht. Männer fallen auf kleine Kinder, junge Frauen, Knaben, Greise, alle zusammen, alle in eine Grube."

Um dann – nur wenige Absätze später – ganz pragmatisch und voller Überlebenswillen zu beschließen:

"Wie auch immer, es ist besser zu überleben und Mitleid zu haben, als selber in die Grube zu fallen."

Zwischen Todesangst und Überlebenswillen

Es ist die Perspektive eines "über Nacht erwachsen gewordenen Kindes", wie Marianna Butenschön in ihrem kenntnisreichen Vorwort richtig feststellt, die das Buch so interessant macht. Eines Mädchens, das hin- und hergerissen ist zwischen Todesangst und Überlebenswillen, der Angst um die kleinen Geschwister und den Vater an der Front. Mascha wird zur Chronistin des Ghettos und ist sich sicher, das "alles, was hier geschieht, im Tagebuch festgehalten werden muss: "Wenn ich am Leben bleibe, werde ich es selbst erzählen, wenn nicht, werden andere es erzählen."

Mascha Rolnikaite hatte Glück. Sie konnte ihre Geschichte erzählen. Nach dem Ende des Krieges trägt sie ihr Tagebuch erneut zusammen. Sie schreibt drei dicke Hefte voll. Doch veröffentlicht wurden die Erinnerungen nicht. Die Sowjetmacht schiebt die Geschichten der Holocaust-Überlebenden beiseite - auch die von Mascha Rolnikaite. Auf die physische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung durch die deutschen Besatzer folgt der geistige Genozid durch die Sowjetmacht. Der Massenmord an den Juden war tabu.

"Heimatlose Kosmopoliten"

1948 beginnt die stalinistische Variante der Judenverfolgung: eine Kampagne gegen die - von der Propaganda so genannten - "heimatlosen Kosmopoliten": Das Moskauer Jüdische Theater wird geschlossen, das Jüdische Antifaschistische Komitee aufgelöst, sein Präsidium verhaftet, später erschossen. Erst der Tod Stalins setzt dieser Judenverfolgung ein Ende. An ihre Stelle treten subtilere Formen der Ausgrenzung und Benachteiligung. Als Mascha Rolnikaite ihr Tagebuch am 15. November 1963 endlich veröffentlicht in Händen hält, hat die Zensur weite Teile geändert. Erst in der jetzt bei Kindler erschienen Ausgabe sind die vom Zensor gestrichenen und geänderten Passagen wieder hergestellt.

 

Ute Schaeffer

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Weitere Schlagzeilen

Das Buch Kompakt
  1. Mascha Rolnikaite: Ich muss erzählen
  2. Verlag: Kindler, 2002
  3. ISBN: 3-463-40427-3
  4. Preis (EURO): 19.90


 
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