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Buchtipp

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde

Bern im Sommer 1954. F.C. Delius berichtet in seiner autobiographischen Erzählung von einem deutschen Mythos und gleichzeitig von der autoritären Enge der fünfziger Jahre.

4. Juli 1954. Der Tag des Endspiels der Fußballweltmeisterschaft. Am Nachmittag tritt in Bern die deutsche Nationalmannschaft gegen Ungarn an. Ein elfjähriger Pfarrerssohn aus einem kleinen hessischen Dorf träumt davon, dabei zu sein.

"Ich sah mich zwischen den deutschen Stürmern in schwarzen Hosen und weißen Hemden. Der Ball zuerst schneller, dann langsamer als die Männer, die ihn beherrschten. Kopfbälle, Flanken, Eckbälle, alle Bewegungen belebt von der märchenhaften Gewissheit, dass diese Männer das Endspiel der Weltmeisterschaft erreicht hatten. Ich sah mich dabei und wollte dabei sein. Am Nachmittag durfte ich die Übertragung im Radio hören. Ich sprang endlich auf, wusch mich, zog mich an – sonntags: frische Wäsche."

Die langen Stunden bis zum Anpfiff

Der Junge durchlebt den Morgen eingezwängt im Korsett der Tagesrituale. Die Zeit bis zum Anpfiff ist für ihn kaum zu ertragen.

"Noch knapp zwei Stunden bis zur Radio-Übertragung. Ich musste mich bewegen, die Zeit vertreiben. Die Spannung steigern, oder zerstreuen. Keines der üblichen Spiele reizte jetzt – kein Buch. Und gerade an einem Tag, an dem es um eine erwachsene Sache wie die Weltmeisterschaft ging, konnte ich mich nicht vom 'Kinderfunk im Hessenlande’ über die Zeit trösten lassen."

Die teilweise autobiographische Kindheitsgeschichte von Christian Friedrich Delius lebt von zahlreichen Erinnerungssplittern. Überaus plastisch beschreibt der Erzähler selbst minimale Details. In der fest gefügten Welt des wohlgeordneten Pfarrhaushaltes läuft alles nach Regeln ab. Raum für Zwischenmenschlichkeit gibt es nicht. Der fromme Vater ist autoritär und übermächtig. Doch aus diesen familiären Zwängen wird sich der schwächliche, stotternde Junge an diesem Tag befreien. Was ihn zum Weltmeister werden lässt, ist jener "unerhörte Gottesdienst" im Radio: die blasphemische Reportage Herbert Zimmermanns, der mit Worten wie "Gott sei Dank" und "Fußballgott" jongliert.

"Ecke für Deutschland und: Tooor, Tooor, Eckball von Fritz Walter, Tor von Rahn. Aus Null zu Zwei, Zwei zu Zwei – ja ist es zu glauben. Wir haben ausgeglichen gegen Ungarn, die großartigste Technikerelf, die man kennt."

Ahnung vom "anderen Leben"

Die Stimme bebt. Der Junge bebt mit. Als Deutschland drei zu zwei gewinnt, wird der kleine Fußballfan in einen unsagbaren Taumel gerissen. Im sonst so stillen Amtszimmer des Vaters prallen Welten aufeinander – öffnen sich neue Welten für den Jungen. Im Siegesrausch erahnt er ein anderes Leben – außerhalb des "Vaterkäfigs" und hinter den Grenzen der dörflichen Muffigkeit und Frömmelei. Der Beweis war die Reporterstimme.

"Der Tag, an dem ich Weltmeister wurde" ist weniger eine Geschichte über Fußball, als vielmehr über die Nachkriegszeit in der deutschen Provinz und das Heranwachsen im Schatten der Kirche. Gesprochen wird das Hörbuch von dem Schauspieler Peter Lohmeyer. Wahrscheinlich deshalb so einfühlsam und gelungen, weil Lohmeyer ebenfalls Pfarrerssohn und Fußballfan ist.

 

Leona Frommelt

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Das Buch Kompakt
  1. Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde
  2. Verlag: Hörbuch Hamburg, 2006
  3. ISBN: 3-89903-712-X
  4. Preis (EURO): 9.90


 
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