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Projekt Zukunft

Studiogespräch mit Gerhard Hesse, Tinitus-Klinik bei Kassel

Im Kampf gegen den Tinitus

DW-TV: Das heißt also, mit der Drosophila im Kampf gegen Tinnitus, das krankhafte Pfeifen und Rauschen im Ohr. Wir fragen Gerhard Hesse, einem der führenden Experten auf diesem Gebiet in Deutschland. Er leitet eine Tinnitus-Klinik in der Nähe von Kassel.

Herr Hesse, kann denn die Drosophila wirklich helfen, kranke Menschenohren zu heilen ?

Gerhard Hesse: In gewisser Weise trifft das zu, weil wir dadurch Kenntnisse über die Haarzellen des Innenohrs gewinnen, also über diese feinen Strukturen. Direkt übertragen lassen sich die Kenntnisse natürlich nicht, weil die genetischen Voraussetzungen bei Menschen andere sind. Und Tinnitus entsteht nicht durch genetische Schäden, sondern mehr durch Belastungen, die wir erleiden, wesentlich durch Lärm verursacht.

DW-TV: Es gibt neue Untersuchungen, da heißt es, dass 20 bis 25-Jährige in den Industrieländern das Hörvermögen eines 70-jährigen Afrikaners haben. Schuld seien Handys, MP3-Player und Stress. Muss man nicht auch ohnehin eher da ansetzen ?

Gerhard Hesse: Das ist ein ganz zentrales Thema. Wir sagen, dass die Altershörigkeit, wie wir sie früher kannten, heute mit etwa zwanzig Jahren anfängt. Schuld sind weniger Mobiltelefone, aber eben lautes Musikhören in der Freizeit mit MP3-Playern und ähnliches, oder auch durch die Lautstärke bei Rockkonzerten, oder in Diskotheken. Das sind heute Schäden, wie wir sie früher durch laute Arbeitsplätze in der Industrie kannten. Die sind natürlich immer noch schädlich, aber da gibt es mittlerweile Schutzbestimmungen. Nur bei Jugendlichen, die sich freiwillig beschallen oder bedröhnen, nützt das natürlich nicht.

DW-TV: Merken sie das auch in der täglichen Praxis? Werden die Patienten, die zu Ihnen in die Klinik in Bad Arolson kommen, immer jünger ?

Gerhard Hesse: Leider ist das so, dass zunehmend jüngere Leute zu uns kommen. Wir haben natürlich immer noch auch viele ältere Patienten. Aber es gibt heute viele Patienten, die mit 20 oder 25 Jahren schon Lärmschäden haben. Die Folge des Lärmschadens ist leichte Schwerhörigkeit, aber auch Ohrgeräusche, ein Tinnitus.

DW-TV: Und was können sie da tun ? Wenn das Ohr einmal geschädigt ist, kann man es ja nicht wirklich heilen. Was kann man denn da überhaupt machen?

Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift:  Gerhard Hesse: Leider sind wir noch so weit, dass wir die Haarzellen beim Menschen ersetzen können. Das wäre genial, wenn das möglich wäre. Aber ich denke, das dauert noch 10 Jahre. Bis dahin können wir das Ohr nur unterstützen. Das macht man durch Hörgeräte und zwar sehr frühzeitig. Auch bei Patienten, die früher nie ein Hörgerät gehabt hätten, versorgen wir sie schon mit Hörgeräten. Und wir versuchen das Hören zu trainieren, indem wir über Hörtherapien die Fähigkeit verbessern, Störgeräusche zu unterdrücken, analytischer zu hören, besser zu hören und eben auch wirklich mit dem möglichen Störgeräusch besser klar zu kommen. Der Patient lernt auch das eigene Hörgeräusch zu überhören.

DW-TV: Wie verhält es sich mit der Krankheit Tinnitus im internationalen Vergleich. Gibt es überall betroffene Patienten? Sie haben ja selber lange in Ägypten gelebt. Hat man dort auch viele Tinnitus-Fälle ?

Gerhard Hesse: Die gab es dort auch schon in der Vergangenheit. Die alten Ägypter haben die ersten Therapien geschrieben, zum Beispiel dass man einen Schilfhalm ins Ohr tut, um dann mit Öl den Tinnitus zu bekämpfen. Tinnitus gab es schon immer. Nur ist es natürlich deutlich mehr geworden. Gerade in Ägypten, wo eben auch viel Lärm ist, wo der Verkehr unheimlich laut ist, ist es ein großes Problem. Andererseits muss man sagen in Ländern, wo die Bedingungen schlecht sind, wo es zum Beispiel auch Hunger gibt, schlechte Versorgung, wo große Infektionskrankheiten auftreten, ist natürlich der Tinnitus nicht so wichtig. Da wird er nicht so ernst genommen. Die Leute gehen mit anderen Problemen zum Arzt.

DW-TV: Wenn wir einerseits wissen, dass Tinnitus auch schon im alten Ägypten behandelt wurde, wie sie sagen, andererseits aber heute Stress und Lautstärke Hauptverursacher sind, wie passt das zusammen, denn wirklich laut war es ja früher eigentlich nicht?

Gerhard Hesse: Unsere Welt ist natürlich schon viel schnelllebiger geworden. Was wir als Flexibilität bezeichnen, heißt ja, dass der Einzelne ständig überall sein muss, ständig überall beschallt wird. Das zehrt an den Nerven im wahrsten Sinne des Wortes. Und das zehrt enorm an dem Ohr, was ja immer auf ist, immer hören muss. Es wird zum Teil sehr stark belastet.

DW-TV: Man kann eben nicht weghören, herzlichen Dank für Ihren Besuch.

 
 
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