Made in Germany (deutsch)
Studiogast: Gerhard Bosch, Institut Arbeit und Qualifikation
Studiogespräch mit Gerhard Bosch, Arbeitsmarktexperte, zu den Auswirkungen der Finanzmarktkrise auf die Zukunft
DW-TV: Was man jetzt schon konkret sagen kann ist, dass der Zusammenbruch der Finanzmärkte Unsummen an Geld verschlungen hat und das mit unabsehbaren Folgen, nicht nur für Amerika und auch nicht nur für die Banken.
Gerhard Bosch: Ja, wir sehen jetzt den größeren Teil des Eisberges, ich bin mir aber noch nicht sicher, ob wir schon den ganzen Eisberg sehen. Es kann also sein, dass aus dem Bankenbereich noch weitere Verluste kommen, in den USA und auch in Deutschland. Dafür zahlt der Steuerzahler, der muss in Deutschland die Landesbanken stützen und andere Banken, und zudem sind vor allem die Sekundärwirkungen, also die langfristigen Wirkungen auf die Konjunktur für Deutschland beachtlich.
DW-TV: Und der Steuerzahler zahlt jetzt für das, was die Banker in Amerika angerichtet haben und verzockt haben.
Gerhard Bosch: Das ist richtig. Es ist eigentlich skandalös, ich finde es moralisch empörend, zumal wenn man bedenkt, dass viele dieser Manager gar nicht dafür haftbar gemacht werden, für das was sie angerichtet haben. Sie sind bezahlt worden nach kurzfristigem Geschäftserfolg und die Prämien sind weg. Allein der Merrill Lynch-Manager hat zum Beispiel im Jahr 2007 40 Millionen Dollar an Prämien bekommen, die er natürlich nicht zurückzahlen muss und das gilt auch für die IKB-Manager in Deutschland.
DW-TV: Was haben Sie eigentlich mit den Sekundärfolgen gemeint, vielleicht können Sie das noch mal ein bisschen ausführen - also was wären denn die Sekundärfolgen hier für den europäischen Markt unter anderem?
Gerhard Bosch: Die Primärfolgen, also die ersten Folgen, sind natürlich diejenigen, die sich aus dem Finanzsektor selber ergeben, da springt der Steuerzahler jetzt für fehlende Summen bei den Banken ein. Das kostet natürlich schon mal Investitionen in andere Bereiche, die sonst der Staat leisten könnte. Und dann gibt es natürlich Auswirkungen auf den Konsumenten, auf die Unternehmen, die weniger verbrauchen, weniger investieren und das trifft uns als Exportland Nummer eins in der Welt ganz besonders, weil wir jetzt weniger Waren in andere Länder absetzen können. Und was das auf den Arbeitsmarkt in Deutschland für Wirkung hat ist jetzt noch gar nicht absehbar.
DW-TV: Aber es gibt neue Studien, neue Zahlen und Berechnungen wie denn der Arbeitsmarkt sich entwickeln wird.
Gerhard Bosch: Ja, die Prognosen für das nächste Jahr werden jetzt sukzessive nach unten korrigiert, die waren anfangs sogar noch optimistisch. Inzwischen sieht man, die Stimmung ist schlecht in der Wirtschaft. Wir befinden uns eigentlich am Beginn einer Rezession in Deutschland, die Wirtschaft geht bergab und wir werden im nächsten Jahr nach langem Wachstum wieder Beschäftigung verlieren. Mindestens 100.000 Arbeitsplätze werden im nächsten Jahr verloren gehen. Und möglicherweise dauert die Krise noch länger an, sodass die Langfristwirkungen noch stärker sind als wir das heute annehmen.
DW-TV: Was kann man denn hier in Europa, in Deutschland tun, damit man "gerade noch mal mit einem blauen Auge davonkommt"?
Gerhard Bosch: Man muss zunächst einmal versuchen den Zusammenbruch des Bankensystems zu verhindern. Ich glaube, das gelingt, da wurde auch Entwarnung gegeben - zu Recht. Aber die Entwarnung die gegeben worden ist in Richtung Konjunktur, die halte ich für verfrüht - ich sehe da ganz große Risiken auf uns zukommen. Ich bin auch nicht sicher, ob man am Ziel des ausgeglichenen Haushaltes festhalten kann und ob man nicht etwas für die Konjunktur tun muss - beispielsweise durch ein Investitionsprogramm in Bildung - und Bildung brauchen wir ohnehin!
Interview: Anja Heyde









