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Buchtipp

Lukas Bärfuss: Hundert Tage

Lukas Bärfuss erzählt in seinem Roman vom Völkermord in Ruanda. Von jenem grauenhaften Massaker 1994, bei dem fast eine Million Menschen ihr Leben verloren hat. Und er erzählt von der Mitschuld der europäischen Helfer.

Als der Schweizer Entwicklungshelfer David seiner Hausangestellten Erneste ein Stück seines großen Gartens zur Verfügung stellt, glaubt er, das Richtige zu tun. Er kann darauf verzichten und Erneste muss dann nicht das Gemüse für ihre Familie für viel Geld auf dem Markt einkaufen. Sie kann es selbst anbauen. Doch dann deutet ihm sein Vorgesetzter an, dass er damit gegen ein Tabu verstoßen hat. Als Schweizer Entwicklungshelfer verbrüdere man sich nicht mit Hausangestellten wie Erneste, erfährt er. Also nimmt David die Machete und zerstört ihr gärtnerisches Werk: Ohne Wut, ohne Hass, ich tat einfach, was nötig war.

Ein gebrochener Mann

David ist die Hauptfigur des Romans. Ein Mensch mit ausgeprägtem Gerechtigkeitsempfinden. Einer, der in Ruanda gescheitert ist, der am Ende als gebrochener Mann nach Europa zurückgekehrt ist. Als die Europäer das Land verließen, weil es zu gefährlich für sie wurde, hat er zunächst durchgehalten, um bei Agathe zu bleiben. Eine Einheimische, in die er sich verliebt hatte. So erlebte David den Bürgerkrieg hautnah, erlebte, wie selbst Kinder zu Mördern wurden.

Meine ersten Wochen in Kigali fielen in die letzten Tage der guten alten Zeit, die letzten Momente des Friedens, und jeder Friede zeichnet sich durch Langeweile aus. Es dauerte kein Vierteljahr, bis sich die Dinge in ihr Gegenteil verkehrten und hinter der Maske der Normalität das Ungeheuer sichtbar wurde.

Trügerischer Frieden

Ruanda, die 'Schweiz' Afrikas, mit Bergen, grünen Wiesen und Kühen - und Ruanda, das Musterland der Entwicklungshilfe, mit Vorzeigeprojekten und Menschen, mit denen die Zusammenarbeit gut funktioniert. Dass es unter der Oberfläche brodelt, dass die Minderheit der Tutsi von der herrschenden Mehrheit der Hutu massiv unterdrückt wird, blenden die ausländischen Helfer aus. Und wenn sie es nicht tun wie David, der seiner Hausangestellten ein Stück Garten überlässt, fangen sie sich eine Rüge ihres Vorgesetzten ein.

Helfer als Handlanger

Durch das Land verläuft eine unsichtbare Grenze. Die Kurzen und Langen, wie Bärfuss sie in seinem Roman nennt, leben streng von einander getrennt. Als sich die unterdrückte Minderheit zu wehren beginnt, organisiert die Regierung einen Genozid. Die ausländischen Helfer protestieren.

Aber alles war vergebens, und der Grund dafür war die nackte Angst, die jeden befiel. Und wen sie noch nicht gepackt hatte, dem wurde sie eingeimpft, eingetrichtert, eingestampft.

Lukas BärfussBildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift:  Lukas Bärfuss

Lukas Bärfuss erzählt, wie die Verständigung mit den Einheimischen an Sprachbarrieren scheitert und die Hilfe schließlich ins Leere laufen muss. Sie haben es versäumt, sich mit der Geschichte des Landes, der Sprache und den uralten Konflikten zu beschäftigen. Mit ihrer einseitigen Unterstützung für die Regierung haben sich die Helfer, so stellt es Bärfuss dar, zu Handlangern von Mördern gemacht.

Lust an der Gewalt

"100 Tage" ist auch eine Liebesgeschichte, und diese Liebe zieht David mitten hinein in die Konflikte. Bis sein Wertesystem ins Bröckeln gerät und er mit Entsetzen erkennt, wie er selbst zum Schuldigen wird. Blut und Gewalt erregten ihn sexuell. Bärfuss‘ Roman ist harte Kost, aber eine, die sich lohnt.

 

Heide Soltau

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Weitere Schlagzeilen

Das Buch Kompakt
  1. Lukas Bärfuss: Hundert Tage
  2. Verlag: Wallstein 197 S.
  3. ISBN: 9783835302716
  4. Preis (EURO): 19.90


 
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