Buchtipp
Linus Reichlin: Die Sehnsucht der Atome
Ein Inspektor mit einer Schwäche für Quantenphysik, eine blinde Querulantin und ein undurchsichtiger Fall - das hochoriginelle Krimi-Debüt des Schriftstellers Linus Reichlin.
"Die Sehnsucht der Atome" - was für ein Titel für einen Kriminalroman! Da denkt man doch eher an ein Sachbuch, an postmoderne Lyrik, an naturphilosophische Betrachtungen … Aber nein, es handelt sich bei Linus Reichlins lustiger Geschichte um einen Krimi, und der trägt seinen Titel ganz zurecht, das zeigt direkt der Beginn des Ganzen.
Hannes Jensen, aus Deutschland stammender Kripokommissar in Brügge, lässt sich frühpensionieren, weil er sich ganz auf sein Hobby, die Quantenphysik, konzentrieren möchte. Jensen will an seinen letzten Arbeitstagen neuen Fällen eigentlich entgehen, aber gerade deswegen handelt muss er eine ganz besondere Ermittlung übernehmen: ein Amerikaner, der mit 10jährigen Zwillingen durch Europa tourte, ist - anscheinend - Voudou-artig "totgebetet" worden, und die Zwillinge sind verschwunden. Um den Fall zu lösen und um sich zu rehabilitieren, muss Jensen nach USA und Mexiko reisen, in das äußerst entlegene Dorf einer übersinnlich begabten Heilerin, und zwar zusammen mit einer blinden Schönheit, die wie besessen ist von der Geschichte …
Natürliche Ordnung mit absurden Veräastelungen
Hört sich verrückt an und ist es auch; eine Geschichte, in deren Verlauf man sich immer wieder einmal fragen kann, welche Mittelchen ihr Erfinder konsumiert hat, um auf solche turbulente, krumme Entwicklungen zu kommen. Andererseits, siehe Titel, steckt hinter alldem natürlich eine geheime, eine natürliche Ordnung, die all das, was passiert, begründet - und die selbst die absurdesten Verästelungen der Geschichte plausibel macht.
Es kommt eben eines zum anderen, die Kräfte und Energien der Geschichte wirken mit- und gegeneinander, um die Handlung voranzutreiben. Man weiß nicht, wie das enden wird - der Weltuntergang ist genauso drin wie einfach nur eine gute Geschichte.
Charmant, komisch und kreativ
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Linus Reichlin
Eine Geschichte, deren Lektüre sich übrigens allein schon wegen der Stellen lohnt, bei denen die blinde Schöne und der pensionierte deutsch-belgische Exkommissar im mexikanisch-amerikanischen Nirgendwo über verschiedene Erkenntnisse der modernen Physik diskutieren, und zwar so, dass man es verstehen kann. Und die, man ahnt es schon, schließlich geht es um die Natur der Dinge und die Sehnsucht der Atome, letztlich auch zur Liebesgeschichte wird.
Tja. Das ist Kriminalliteratur, die zwar mit der Realität nicht viel zu tun hat - die aber der Wahrheit der Realität auf den Grund zu gehen sucht, und das auf charmante, komische und höchst versierte Art und Weise. Der Schweizer Linus Reichlin, der bislang eigentlich nur als Zeitungskolumnist in Erscheinung getreten ist, legt mit "Die Sehnsucht der Atome" ein fulminantes Debüt hin: Wer Krimi als Kunst lesen mag, erlebt mit diesem Buch einen kreativen Höhepunkt.
Weitere Schlagzeilen
Das Buch Kompakt
- Linus Reichlin: Die Sehnsucht der Atome
- Verlag: Eichborn, 2008
- ISBN: 3-8218-5835-4
- Preis (EURO): 19.95








