Buchtipp
Christine Brückner: Wenn du geredet hättest, Desdemona
Christine Brückner hat historischen Frauengestalten eine Sprache gegeben. Eine Auswahl ihrer "ungehaltener Reden ungehaltener Frauen“ ist jetzt als Hörbuch erschienen.
Der Weg zur Emanzipation führt über eine steile Treppe. Wie erfolgreich eine Frau sich selbst verwirklichen kann, hängt auch damit zusammen, ob sie den Weg von ganz unten gehen muss - oder ob ihr durch günstige Umstände die steilsten Stufen erspart bleiben.
Theodor Fontanes Effi Briest ist nach heutigen Maßstäben sicher nicht emanzipiert. Sie ist an ihrem Schicksal zerbrochen, mit einem Mann verheiratet worden zu sein, den sie nicht liebt. Und doch hat die Schriftstellerin Christine Brückner ihr die Fähigkeit unterstellt, ihre Situation klar zu analysieren und zumindest zu erkennen, was sie im Leben scheitern lässt: Die frühe Heirat und Geburt ihrs Kindes, das Nicht-Vorbereitet-Sein auf diese beiden Rollen, ihre eigene Passivität, anerzogen und aus Bequemlichkeit fortgeführt, die Karrieresucht ihres Mannes und die emotionale Armut sowohl im Elternhaus als auch in der Ehe:
Eigentlich habe ich mich vor Deinen Zärtlichkeiten immer gefürchtet. Da war Gewalt dabei, und auch Pflicht. Ja, es war das Planmäßige. Ich war mehr fürs Heimliche, für die Dünen. Es muss doch auch Leidenschaft dabei sein, und man muss schwindlig werden und die Erde muss sich drehen und es muss sein wie auf der Schaukel. Man fliegt - und der Strick reißt.
Worte in den Mund gelegt
Effi Briest ist eine der ungehaltenen Frauen in Brückners Redensammlung, in der sie fiktive und historische Figuren zu Wort kommen lässt. Sie legt ihnen die Worte in den Mund und es ist faszinierend, wie sehr sie sich in diese so unterschiedlichen Charaktere hineinversetzen kann. Es macht keine Mühe zu glauben, dass es diese Reden so gegeben haben könnte.
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Christine Brückner (1921-1996), aufgenommen 1955 Verstärkt wird dieser Effekt durch die großartigen Schauspielerinnen, die Brückners Rednerinnen ihre Stimme leihen. Eva Mattes als ruhige und schicksalsergebene Effi; Maria Wimmer als derbe aber sympathische und lebenstüchtige Christiane von Goethe, Christa Berndl als erregte Megara, Doris Schade als Katharina von Bora, die ihrem Ehemann Martin Luther durchaus ebenbürtig ist und schließlich Rita Russek als verzweifelte Terroristin Gudrun Ensslin in der Isolationshaft in Stammheim.
Alte Aufnahmen - unverändert aktuell
Diese Aufnahmen sind zwar schon einige Jahrzehnte alt, aber sie haben nichts von ihrer Intensität und ihrer Aktualität verloren. Leidenschaftlich appelliert Megara an Lysistrata und die Frauen Athens, ihre Männer nicht in den Krieg ziehen zu lassen, sondern sie mit weiblichen Künsten friedfertig zu machen, also nicht durch Liebesentzug sondern durch das Gegenteil. Und sie fordert die Frauen auf, die Männer im Krieg nicht durch den aufopferungsvollen Dienst an der "Heimatfront“ zu unterstützen, denn:
Die Ehre gilt am Ende doch nur ihm, nicht Euch. Wir sollen Männerrollen im Krieg und Frauenrollen im Frieden spielen. Wie das? Saht Ihr denn Männer je in Weiberrollen? Die Kinder säugend, den Rock spinnend? Und das Brot backend? Ihr leistet die Männerarbeit zusätzlich aber damit soll jetzt ein Ende sein.
Das kleine Booklet zur CD gibt hilfreiche Informationen über die Figuren, die Sprecherinnen und die Autorin. Leider sind auf der CD nicht alle von Brückners fiktiven Reden zu hören. Auch Desdemonas Rede im Schlafgemach des Feldherren Othello, die dem Werk den Namen gibt, fehlt. Aus rechtlichen Gründen, wie es heißt. Aber auch die jetzige Auswahl zeigt, wie sehr die Frauen jede aus ihrer ganz eigenen Perspektive mit sich und der Welt ringen.
Weitere Schlagzeilen
Das Buch Kompakt
- Christine Brückner: Wenn du geredet hättest, Desdemona
- Verlag: Der Hörverlag, 2005
- ISBN: 3-89940-642-7
- Preis (EURO): 19.95







