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Buchtipp

Friedrich Christian Delius, Peter Joachim Lapp: Transit Westberlin

Erlebnisse im Zwischenraum: Das Erlebnis der "Transit-Reise" durch die ehemalige DDR - Aufnahmen mit versteckter Kamera, subjektive Erfahrungen, historische Hintergründe.

"Angenehme Weiterreise" wünschten die DDR-Grenzer gemäß Dienstvorschrift, nachdem sie den Transitreisenden von Westdeutschland nach Westberlin und umgekehrt gehörig Angst eingeflößt hatten. Die Grenze stecke einem auch zehn Jahre nach ihrem Verschwinden noch in den Gliedern, in den Sinnen, meint Friedrich Christian Delius.

Auf der Autobahn mit mehr als 100km/h an den Ruinen der Grenz- und Abfertigungsanlagen vorbeizurauschen, das verschaffe ihm selbst heute noch ein mittleres Glücksgefühl. Vermutlich geht es nicht nur ihm so, sondern den meisten, die bis November 1989 auf den die Transitstrecken zwischen dem eingemauerten Westberlin und Westdeutschland über das Territorium der DDR fuhren: im eigenen Auto, im Bus oder im sogenannten Interzonenzug der DDR-Staatsbahn.

Nur wer das Geld für ein Flugticket hatte, ersparte sich die Unbequemlichkeiten und Unwägbarkeiten der schlechten Autobahn, überfüllten Züge und schikanösen Kontrollen der PKE, der Passkontrolleinheiten der DDR- Staatssicherheit.

Ritual des Kalten Krieges

"Transit Westberlin" erzählt die ungewöhnliche Geschichte des millionenfachen Reisens von Deutschland über Deutschland nach Deutschland. Erlebnisse und Fotos aus dem "Zwischenraum" Transitstrecke, in dem die "Westler" den Osten fürchten und die Freiheit schätzen lernten, in dem sich ein für Unbeteiligte schwer vorstellbares Ritual des Kalten Krieges vollzog.

Und für die Betroffenen wirkt es nur im Nachhinein lächerlich, damals war es bedrohlich und demütigend. Ungefähr dreihundertsechzigmal habe er selbst den Status eines Transitreisenden gehabt, verrät Delius, und damit die Chance, für alles mögliche schikaniert, eingeschüchtert, zurechtgewiesen, angeschnauzt zu werden.

Im Stau waren alle gleich ...

Und niemand solle sagen, das sei keine gute Schule gewesen, meint Delius: So etwas wie die DDR wollte keiner, auch nicht die linken Berliner Studenten. Unfreiwillig förderten die DDR-Grenzer das Wir-Gefühl der Westberliner, schreibt Delius, denn im Grenzstau waren alle gleich. Bedrohlich bis skurril war die Atmosphäre, das zeigen die teilweise heimlich geschossenen Fotos:

Uniformierte Kontrolleure mit Bauchläden im Interzonenzug, das berühmte Laufband, über das die Pässe der Reisenden in einem Kontrollraum verschwanden, worauf banges Warten einsetzte, das Stillleben im Speisewagen, die Devisen-Abzocke durch Radarfallen, die bunte Barackenwelt der Intershops und Raststätten, in denen Schilder "Verkauf nur gegen freikonvertierbare Währung" annoncierten und schwarz auf weiß dokumentiert der Fluchtversuch im Kofferraum - letztere Bilder stammen aus dem Archiv der Staatssicherheit.

Im zweiten Teil des Buches behandelt Peter Joachim Lapp die Entwicklung der Transitwege im politischen Kontext. Eine Bestandsaufnahme, die vor allem die Bedeutung des Transitabkommens zwischen Bundesrepublik und DDR von 1971 verdeutlicht: Erstmals gab es eine klare Regelung des zivilen Zuganges nach Westberlin, die Abfertigung vereinfachte sich. 1990 kam ein unverhoffter Effekt dazu: von den auf Kosten der Bundesrepublik nach 1971 ausgebauten Ost-West-Transitwegen profitierte auch das wiedervereinte Deutschland.

 

Bernd Gräßler

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Das Buch Kompakt
  1. Friedrich Christian Delius, Peter Joachim Lapp: Transit Westberlin
  2. Verlag: Links, 1999
  3. ISBN: 3-86153-198-4
  4. Preis (EURO): 34.80


 
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