Buchtipp
Bernhard Schlink: Liebesfluchten
Schon in seinem international erfolgreichen Roman "Der Vorleser" hat Schlink gezeigt, dass es nicht die eine Wahrheit gibt, dass das Leben und die Beziehungen der Menschen untereinander so viele Facetten haben, dass einfache Antworten nicht befriedigen. In den sieben neuen Erzählungen spinnt Schlink diesen Faden nun fort und stellt ähnliche Fragen.
Der Titel "Liebesfluchten" lasse alles offen, hat Bernhard Schlink jüngst über seinen Band mit Erzählungen gesagt. Flüchten die Protagonisten der sieben Geschichten vor der Liebe oder flüchten sie in die Liebe? Schlink beantwortet das - wie gesagt - nicht, jedenfalls nicht so, dass man als Leser nach der Lektüre das Gefühl hat, hier hebt einer den Zeigefinger. Und das ist gut so!
Schon in seinem international erfolgreichen Roman "Der Vorleser" hat Schlink gezeigt, dass es nicht die eine Wahrheit gibt, dass das Leben und die Beziehungen der Menschen untereinander so viele Facetten haben, dass einfache Antworten nicht befriedigen.
Frage nach Gefühlen
Im "Vorleser" waren es der 15jährige Michael, der die wesentlich ältere Hanna kennen und lieben lernte und viel später mit der Vergangenheit der Frau konfrontiert wurde. Dass ebenjene Hanna Schmitz einst als Wächterin in einem deutschen Konzentrationslager diente, stellte nicht nur die junge Roman-Hauptfigur Michael vor ein Dilemma.
Auch der Leser fragte sich: darf man denn eine solche Frau lieben - oder vielmehr: geliebt haben? Was sind das für Gefühle, die sich da entwickelt haben?
In den sieben neuen Erzählungen spinnt Schlink diesen Faden nun fort und stellt ähnliche Fragen. Ein Mann erfährt nach dem Tod seiner Frau, dass diese einen Geliebten hatte. Ein Junge erfährt über ein Bild, dass er von seinem Vater geerbt hat, bisher geheime Dinge über die Vergangenheit des Vaters. Eine Frau wird mit der Stasi-Vergangenheit ihres Ehemannes konfrontiert.
Dichtes Netz
In all diesen Geschichten finden sich die Figuren in einem dichten Netz wieder, das Bernhard Schlink aus den Komponenten "Vergangenheit", "Zeit", "Erinnerung" und "Verdrängung" gesponnen hat.
Wie hätten sich die Figuren verhalten, wenn sie denn nun schon früher, also während der Kindheit oder während der Ehe, von den Fehltritten der Anderen gewusst hätten? Und könnte es nicht möglicherweise besser sein, nicht immer alles zu wissen, vom Vater, von der Mutter, vom Partner? Das sind die zentralen Fragen, um die Bernhard Schlinks Geschichten kreisen.
Konfrontation mit der Geschichte
Das andere große Thema Schlinks ist - wie schon im "Vorleser" - die deutsche Vergangenheit. In der vielleicht schönsten Erzählung des Bandes, "Die Beschneidung", geht es um ein junges Paar, - er Deutscher, sie amerikanische Jüdin -, das sich in New York kennen gelernt hat.
Die beiden jungen Menschen werden nun immer wieder mit den dunklen Kapiteln der deutschen Geschichte und mit dem deutsch-jüdischen Verhältnis konfrontiert. Und auch wenn Beide der Generation der Nachgeborenen angehören, können sie doch diese Geschichte nicht abschütteln.
Offenes Ende
Darf er als Deutscher etwa nicht denken, dass die jüdische wie jede andere Religion auch davon lebt, dass sie freiwillig gewählt wird, fragt sich zum Beispiel der junge Andi.
Und Sarah, die Freundin, antwortet auf die Frage des Onkels, ob man nach 50 Jahren die Vergangenheit denn nicht ruhen lassen könne, mit der Gegenfrage, ob es sich denn hier nicht um eine besondere Vergangenheit handele. Für die Juden hätten die Deutschen nun einmal eine besondere Vergangenheit, fügt sie noch hinzu.
Am Ende verlässt Andi Sarah, warum genau und ob das ein Abschied für immer ist, dass lässt Schlink in der Schwebe, auch wenn man bei dieser Geschichte eher an eine Flucht aus der Liebe denn an eine Flucht in die Liebe denkt.
Genaue Lektüre empfohlen
Bernhard Schlink erzählt seine Geschichten stets ganz einfach, bedient sich einer nüchternen und unprätentiösen Sprache. Hier ist kein Sprach-Experimentator am Werk, keiner, der mit Wörtern und Ausdrücken jongliert. Fast gerät der Leser so in die Gefahr, das stets vorhandene Hintergründige der Geschichten zu überlesen.
Man sollte ihn genau lesen, diesen schreibenden Juristen Bernhard Schlink, denn sonst verpasst man möglicherweise etwas von dem, was sich zwischen den Zeilen abspielt. Und das ist nicht wenig bei Bernhard Schlink.
Weitere Schlagzeilen
Das Buch Kompakt
- Bernhard Schlink: Liebesfluchten
- Verlag: Diogenes, 2000
- ISBN: 3257062303
- Preis (EURO): 19.90



