Buchtipp
Wolf Haas: Silentium
Mit den Mustern des klassischen Krimis hat der Österreicher Haas wenig am Hut. Haas revolutioniert das Genre Kriminalroman. Nicht nur durch seine Sprache.
Die meisten Kriminalautoren mit einer gewissen Reputation erzählen Geschichten. Ob das nun Donna Leon, Elizabeth George oder relativ neu auf den Bestsellerlisten Henning Mankell ist. Meist geht es um Mord, um menschliche Dramen und Abgründe, um kriminelle Machenschaften. Darum spinnt sich eine Erzählung, es werden Charaktere mehr oder wenig stark psychologisch gezeichnet oder die Handlung gibt die Spannung vor. Und wichtig ist in der Regel auch die Ungewissheit des Lesers: Wer war es?
Mit all diesen Mustern des klassischen Krimis hat der Österreicher Wolf Haas wenig am Hut. Haas revolutioniert das Genre Kriminalroman. Da ist zum einen seine Sprache. Haas schreibt, als säße er mit seinen Figuren in einer Kneipe, ob das Privatdetektiv Brenner ist, der Rettungsfahrer Bimbo oder die Kellnerin der Grillstation Löschenkohl.
Alltagssprache
Ein seltsam gleichgültiger Erzähler lässt die Protagonisten in Alltagssprache reden mit vielen Regionalismen, doch nicht, wie leicht der Fall, verunglimpfend, sondern wirklichkeitsnah. Haas macht sich über den Dialekt nicht lustig, er setzt ihn ein, um situativer zu schreiben, näher dran zu sein.
Dabei stimmen Syntax und Grammatik selten, Wörter und ganze Halbsätze fehlen, aber wer spricht schon Schriftdeutsch, wenn er mit dem Kollegen fachsimpelt, oder den neuesten Tratsch aus dem Dorf weitergibt.
Privatdetektiv mit Migräne
Neben dem sprachlichen Sprengstoff gegen Krimiklischees sind es die Figuren, die so gar nicht an herkömmliche Werke des Genres erinnern. Zu allererst Privatdetektiv Brenner. Der hat den Dienst bei der Kriminalpolizei nach fast 20 Jahren geschmissen, weil er sich mit dem neuen Vorgesetzten überhaupt nicht verstand.
Vielleicht hat Brenner aber auch keine Lust mehr gehabt auf die Routine und Langeweile des Beamtendaseins. Ganz genau erfährt der Leser das nicht. Jedenfalls hat er seitdem Migräneanfälle und grübelt mehr darüber, woher die kommen, als dass er sich Sorgen macht wegen des vorzeitigen Endes seines Beamtendaseins:
"Jetzt hat er natürlich wieder nicht gewusst, kommt es vom Rauchen aufhören, praktisch Entzug, weil der hat 40 am Tag geraucht. Oder hat es mit der beruflichen Veränderung zu tun, dass er von den Sorgen Kopfweh kriegt, öfter als früher. Oder, dritte Möglichkeit, ist es das Klima in Zell, das er nicht verträgt, besonders jetzt, diese unnatürliche Hitze im September."... so der untypische Privatdetektiv in "Auferstehung der Toten", dem ersten Fall des ehemaligen Polizisten.
Lakonisch knapper Blick
Da geht es um die Aufklärung eines Mordes in Zell, einem Skiort in Österreich. Die Ex-Kollegen von der Polizei haben die Ermittlungen des Mordes schon aufgegeben, sie scheiterten an der schweigsamen Sturheit der Provinzbewohner. Brenner ist den Menschen dort ähnlich und klärt die Tat auf, aber nicht durch brilliante Kombinationen und Rückschlüsse, sondern durch seine notorische Langsamkeit, Vergesslichkeit und Detailversessenheit.
In "Komm süßer Tod", ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimi-Preis 1999, hat Brenner auch den Job des Privatdetektivs vorläufig aufgegeben und jobbt als Rettungsfahrer. Doch dann wird ein Rettungsfahrer ermordet und der neue Chef, der von Brenners Vorleben weiss, vermutet, dass ein konkurrierendes Rettungsunternehmen dahintersteckt. Ein Fall für Brenner, der nicht philosophisch lamentiert, sondern lakonisch knapp Situationen sieht.
"Aber 'Komm süßer Tod', das ist schon bei der Klara auch mehr die Pubertät gewesen als die Kennerschaft: sprich alles immer mit Tod und ding. Weil wenn du heute siebzehn bist, dann hat der Tod eine gewisse Süße. Mit 17 bist du ja noch unsterblich, aber weil das Leben oft bitter ist mit 17, denkst du dir: der Tod eigentlich süß. Und da ist eben der Tod ein großer Tod, aus dieser gewissen Puntigamer Stimmung heraus. Aber wenn du mit 50 zur Strahlentherapie fährst: Tod nur Scheiße."Moderne Sprachkunstwerke
Die insgesamt fünf Haas-Krimis - der jüngste, "Silentium", beschäftigt sich mit dem Mord in einem Salzburger Knabeninternat - sind keine herkömmliche Kost. Sie sind in erster Linie moderne Sprachkunstwerke und erst danach spannende Unterhaltung und Ablenkung.
Haas will und kann seine Ausbildung als Linguist nicht verleugnen. Aber wer Spaß hat an doppeldeutigen Formulierungen, an Wortdrehern, am Spiel mit der Sprache und an Direktheit in der Sprache, der wird ihn mögen, den verschrobenen Privatdetektiv Simon Brenner und auf einen neuen Fall hoffen.
Weitere Schlagzeilen
Das Buch Kompakt
- Wolf Haas: Silentium
- Verlag: Rowohlt, 2004
- ISBN: 3-499-23822-5
- Preis (EURO): 7.90




