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Buchtipp

Friedrich Christian Delius: Die Flatterzunge

Tel Aviv 1997. Die Deutsche Oper Berlin gibt ein Gastspiel. Ein Mitglied des Orchesters unterschreibt seine Getränkequittung an der Hotelbar mit Adolf Hitler. Für den Musiker ändert sich dadurch alles ...

Verbrechen führen im Großen und Ganzen hinter Gitter, verbale Entgleisungen in die Isolation und Armut, wie Friedrich Christian Delius am Beispiel des Ich-Erzählers und Posaunisten Hannes in seiner Erzählung "Die Flatterzunge" kurzweilig illustriert. Auf 144 Seiten erfährt der Leser im Rückblick durch die Erinnerungen und Analyseversuche seines Protagonisten sozusagen Takt für Takt von den fatalen Auswirkungen eines auch gut fünfzig Jahre nach der Shoa nicht entschuldbaren Fauxpas in Israel.

Ausgelöst werden die für Hannes existenzvernichtenden Folgen durch elf Buchstaben, durch eine einzige Unterschrift auf einem harmlosen Getränkebeleg in der Bar des Hotels AMBASSADOR in Tel Aviv. Hannes, Mitte 50, geschieden, ein Kind, ist ein erfahrenes Orchestermitglied aus Berlin mit Stammplatz in der vorletzten Reihe im Orchestergraben. Längst ist er zum 1. Posaunisten avanciert mit monatlicher Solozulage von 800 Mark. Es ist das Jahr 1998, Hannes befindet sich auf Gastspieltour durch Israel.

Botschafter des schlechten Geschmacks

Bevor er wieder nüchtern ist und realisieren kann, was er am Abend zuvor mit der Unterschrift ,,Adolf Hitler" in der Hotelbar angerichtet hat, wird er zum Botschafter des schlechten Geschmacks. Er ist aus der Rolle gefallen, hat sich und sein Orchester blamiert, dem Ansehen seines Heimatlandes geschadet. Was immer ihn zu dieser Tat bewog - Witz, Belehrungslust oder alkoholbedingte Hirnlosigkeit - das Ergebnis bleibt gleich: Er wird zum "Teufel von Berlin", zum "Hund von Tel Aviv" und stante pede gefeuert. Zurückgeschickt. Annahme verweigert, ab und retour in jenes Land, in dem - es ist noch nicht lange her - Unmenschen systematisch Menschen vernichteten in einer Zeit, in der Richard Wagners Kompositionen aus politischen Gründen besonders bevorzugt wurden

Die Geschichte kommt Ihnen bekannt vor? Sie haben Recht. 1997 empörte sich weltweit die Presse über die Entgleisung des Berliner Kontrabassisten Gerd Reinke, und ein israelischer Kulturredakteur des Ersten Fernsehkanals soll nach dem Eklat konstatiert haben: "Im alkoholisierten Zustand sagen die Deutschen, was sie sonst nur heimlich denken." Der 1943 in Rom geborene und in Berlin lebende Erzähler Delius greift einen authentischen Fall auf. Das ist kein Novum und schon gar nicht automatisch Literatur. Freilich adaptiert er die Vorlage nicht eins zu eins. Er schreibt spannende Literatur und bewahrt und macht aus dem Kontrabassisten - seit Patrick Süskinds herrlichem Porträt bereits vergeben - einen Posaunisten. Detailliert in Form fiktiver Gespräche zeigt er, mit welch fatalen Konsequenzen der Verursacher degoutanter Verfehlungen rechnen muss.

Lesenswertes Buch mit weitreichendem Klang

Nichts bleibt, wie es einmal war. Hannes ist arbeitslos, ohne Freunde, ohne Geld, ohne richtige Aufgabe. Das Einzige, was ihn in Gang hält, sind seine Rendezvous mit Marlene und die Vorbereitung auf seinen Prozess beim Arbeitsgericht, die er auf Anraten seines Anwaltes "ohne Zensur" schriftlich macht. Schreiben als Akt der Befreiung. Hannes argumentiert, erklärt und begründet, jammert, bemitleidet sich und verzweifelt, vergleicht nicht vergleichbare Verbrechen miteinander, wägt Strafmaß gegen Strafmaß ab und flüchtet sich in Ausreden und Entschuldigungen.

Delius macht nuancenreich in verschiedenen Zeitebenen deutlich, wie die Vergangenheit durch das gegenwärtige Tun die Zukunft bedingt. Gleichzeitig führt er den Leser en passant und en detail in die würdevolle, majestätische Klangwelt der Posaune wie auch durch die Handlungsorte Berlin und Tel Aviv. Die Flatterzunge, für den Posaunisten ein deutliches ironisches, karikierendes Stilmittel, für den Leser ein lesenswertes Buch mit weitreichendem Klang und frappierendem Finale auf der Basis solider Recherche.

 

Susanne Giegerich

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Weitere Schlagzeilen

Das Buch Kompakt
  1. Friedrich Christian Delius: Die Flatterzunge
  2. Verlag: Rowohlt
  3. ISBN: 3-499-22887-4
  4. Preis (EURO): 6.90


 
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