Buchtipp
Dirk Kurbjuweit: Schußangst
Der jungen Zivildienstleistende Lukas muss die ersten Entscheidungen seines Lebens treffen. Unmerklich beginnt die Krise des Helden und steuert in immer rasanterem Tempo auf eine mögliche Gewalttat zu.
"Schußangst" ist ein Buch über Männer. Über einsame und verlorene Männer, über alte und kranke Männer, über gewalttätige, hilflose und verstörte Männer. Da ist zum Beispiel der Kriegsinvalide Franz Beckmann; selbstgerecht und bösartig wartet er in seiner Wohngruft auf das absehbare Ende. Da ist der Busfahrer, der nach Nordkorea auswandern will, weil ihm da noch die Welt in Ordnung scheint, oder der verängstigte Schäfer, der seinen von Wundbrand stinkenden Vater nicht in fachliche Pflege gibt, sondern die nötige Hilfe per Erpressung zu Hause erzwingt.
Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Dirk Kurbjuweit
Doch im Mittelpunkt von Dirk Kurbjuweits zweitem Roman steht ein anderer Mann: Lukas Eiserbeck, Anfang 20, ehemaliger Leistungssportler, Pazifist, der seinen Zivildienst bei der Caritas ableistet. Lukas fährt Essen auf Rädern aus und er hasst seine Kunden, ihre Gebrechlichkeit, ihren Geruch, ihre Geschichten. Wenn Lukas nicht arbeitet, zappt er sich in seinem Miniappartment durch die Fernsehprogramme, Sportsendungen und Nachrichten vor allem.
Kampf um Liebe
Oder er rudert nächtens auf der Alster und denkt an Isabell, die Frau, die sein Leben aus den Fugen gebracht hat. Denn Isabell, die am liebsten die Nächte durchtanzt, hat den jungen Mann, der sich mit seinen fast 2 Metern Länge ohnehin nicht wohl fühlt auf einer Tanzfläche, schnöde sitzen gelassen für einen anderen, einen eleganten Tänzer. Das will Lukas nicht akzeptieren.
Er sinnt darauf, wie er Isabells Liebe zurückgewinnen kann und verfällt auf die Idee, den bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic zu erschießen. Lukas meint, der Tod des Kriegsverbrechers sühnte zum einen die Opfer des letzten Balkankrieges und brächte ihm die Nähe von Isabell, die aus einer indisch-moslemischen Familie stammt.
Akribisch bereitet er sich auf den Anschlag vor, mit unzähligen Schießübungen macht er sich fit für den Einsatz bei den Friedensverhandlungen in Genf. Nichts anderes als dieses Ziel hat er mehr vor Augen, um nichts anderes dreht sich sein Denken. Doch die Monate des Vorbereitens sind umsonst, im entscheidenden Moment, als Lukas den Kopf von Karadzic schon im Visier hat, drückt er nicht ab.
Pure Gewalt
Aber dieses Scheitern bringt Lukas Eiserbeck nicht zurück in die Realität. Längst lebt er in seiner eigenen Welt, in der es auch nicht mehr um Isabell oder um einen Kriegsverbrecher geht. Jetzt will Lukas töten, das Gewehr ausprobieren, diese Vision verwirklicht sehen, wie das Splitterprojektil seiner Steyr-Mannlicher im Körper des Opfers aufbirst.
Jetzt will Lukas Gewalt, pure Gewalt und ein letztes Mal rudert er über die Alster und tötet, fast planlos, eine Frau: Die Pastorin, die den Kriegsdienstverweigerer gelobt hatte für seine Entscheidung zum Zivildienst statt zum Dienst an der Waffe. Lukas hat sich endgültig aus der Welt der Vernunft, der Konventionen, des Miteinander verabschiedet.
Unverständlich
Dass es zu dieser Kulmination von Gewalt kommen muss, ist dem Leser von der ersten Seite des Buches an klar. Lukas Eiserbeck ist als radikaler Einzelgänger angelegt, einer der keine Freunde hat und dem die kurze Zeit mit einer Freundin nur als Projektion seiner Erwartungen dient - nicht als Korrektiv, als Infragestellen des eigenen Lebens.
Verstehen kann man die Genese von Lukas Eiserbeck trotzdem kaum. Hineingeworfen in einige entscheidende Wochen von dessen Leben fragt man sich immer wieder: Warum?
Weitere Schlagzeilen
Das Buch Kompakt
- Dirk Kurbjuweit: Schußangst
- Verlag: Fischer, 2001
- ISBN: 3-596-14949-5
- Preis (EURO): 9.90




