Buchtipp
Wolfgang Borchert: Allein mit meinem Schatten und dem Mond
Die Gedichte und Briefe Wolfgang Borcherts schaffen für uns einen Menschen, der bislang hinter einer Legende verborgen gewesen ist.
Während die deutsche Wehrmacht im Sommer 1941 die Sowjetunion angreift und rasch tief ins Land vordringt, wird Wolfgang Borchert zum Panzergrenadier ausgebildet. Im November desselben Jahres muss auch er an die Ostfront. Borchert ist 20 Jahre alt. Eigentlich hatte er Schauspieler werden wollen.
Als die deutschen Armeen 1945 geschlagen sind, hat Borchert wegen mehrfacher Äußerungen gegen Staat und Partei insgesamt über ein Jahr im Gefängnis gesessen - oder er musste stattdessen zur Bewährung an die Front.
Bei Kriegsende hat Borchert die Gelbsucht. Im Januar 1947 schreibt der Unheilbare innerhalb einer Woche ein Schauspiel nieder, das ihn weltberühmt machen wird. Die Radiouraufführung von "Draußen vor der Tür" im Februar 1947 erlebt Borchert noch. Aber einen Tag vor der Theateruraufführung am 21. November 1947 ist Borchert tot.
Ein anderes Borchert-Bild
"1946, ein Mann kommt nach Deutschland. Er war lange weg, der Mann. Vielleicht zu lange. Und er kommt ganz anders wieder als er wegging. Er hat tausend Tage draußen in der Kälte gewartet. Und nun kommt er endlich doch noch nach Hause. Aber er ist einer von denen, die nach Hause kommen und die dann doch nicht nach Hause kommen, weil für sie kein Zuhause mehr da ist. Und ihr Zuhause ist dann draußen vor der Tür."
Borcherts Kriegsheimkehrer Beckmann und seine eigene Biographie sind, so schien es bislang, einander zum Verwechseln ähnlich. Aber "Allein mit meinem Schatten und dem Mond", eine Sammlung von Gedichten und Briefen, zeigt uns ein ganz anderes Borchert-Bild.
Optimistisch und mutig
Aus den Briefen erfahren wir nämlich, wie optimistisch der Todkranke war und wie mutig er für seine Schriftstellerei gekämpft hat. Und in den Gedichten spricht er von Liebessehnsucht und großen, lebensvollen Konzerten und mehr als einmal hat Borchert seiner Heimatstadt Hamburg ein literarisches Denkmal gesetzt:
"Zwischen grünen Kirchturmsmützen,
wie mit feingemalter Kunst,
ragen Dächer, Giebelspitzen,
in den blauen Hafendunst.
Auf den schmalen, alten Fleeten
ziehen schwerbeladen Schuten -
manchmal hörst du wie Trompeten
fern die großen Dampfer tuten.
Hör des Hafens Orgelbrausen,
Möwenschreien hin und her!
Wenn die steifen Winde sausen,
riechst du schon das weite Meer."
An den Rang seines Schauspiels reichen Borcherts Gedichte nicht heran. Aber sie und die Briefe schaffen für uns einen Menschen, der bislang hinter einer Legende verborgen gewesen ist.
Weitere Schlagzeilen
Das Buch Kompakt
- Wolfgang Borchert: Allein mit meinem Schatten und dem Mond
- Verlag: Rowohlt, 1996
- ISBN: 3499139839
- Preis (EURO): 7.90




