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Buchtipp

Jürgen Kaube: Otto Normalabweicher

Der Aufstieg der Minderheiten ist unaufhaltsam. Verhalten, das vom Gängigen abweicht, ist nur alltäglich geworden. Aber wieviel Abweichung verträgt die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft"?

Was ist heute schon normal? Und: Wie unnormal muss etwas oder jemand sein, um überhaupt noch aufzufallen? Es sind diese Fragen, um die der Band von Jürgen Kaube zu Beginn kreist. Dabei will der Autor keine Theorie entwickeln, stellt er klar, sondern "Wirklichkeiten“ suchen, "die für dieses Land - also Deutschland - aufschlussreich sein könnten“. Dafür hat Kaube - im Hauptberuf Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) - eigene Artikel überarbeitet und ergänzt.

Anderssein als Normalität?

Den titelgebenden "Otto Normalabweicher“ stellt er dabei dem sprichwörtlichen "Otto Normalverbraucher“ gegenüber. Der Ausgangspunkt: Während es vor einigen Jahrzehnten noch möglich war, aus wenigen Merkmalen eines Bürgers relativ sicher zu folgern, wie dessen Leben aussieht, so lassen sich heute auf diese Weise kaum mehr verlässliche Muster erkennen. Rentner bevölkern in bunten Jogginganzügen Wälder oder Fitness-Studios, Arbeiter wählen vielleicht auch mal die CDU, und Bürgermeister können durchaus bekennend schwul sein. Es ist eben normal geworden, dem Durchschnitt nicht zu entsprechen, so Kaubes Folgerung.

Jürgen Kaube (Archivbild)Bildunterschrift: Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift:  Jürgen Kaube (Archivbild)

So weit, so gut - prinzipiell ist dem nicht viel entgegenzusetzen, zumal dieser Befund auch nicht wirklich neu ist. Leider entsteht beim Lesen auch ab und an der Eindruck, dass einige prägnante Gedanken erst gestreckt werden mussten, damit aus kurzen, spitzen Glossen ein immerhin knapp 200 Seiten dickes Buch werden konnte. So nimmt sich Kaubes Vision vom "Aufstieg der Minderheiten“ in der Folge denn auch sehr viel harmloser aus, als das, was der Titel vor dem inneren Auge heraufbeschwört. Da geht es etwa um Sonnenbaden, Tätowiertsein und Lärmen als gelebtes Anderssein.

Scharfzüngige Beobachtungen

Amüsant zu lesen ist das dennoch - vor allem immer dann, wenn Kaube Szenen deutscher Normalität nachzeichnet und aktuelle Diskussionen aufgreift. Scharfzüngig widmet er sich den zugrunde liegenden Entwicklungen - oder vielmehr Fehl-Entwicklungen: Der deutsche Ämterwahn und die hiesige Liebe zur Bürokratie werden dabei genauso aufgespießt wie die teilweise hysterische Debatte um das beste Schulsystem oder die Frage, ob eine muslimische Lehrerin im Unterricht ein Kopftuch tragen darf.

Übrigens - schon mal darüber nachgedacht, warum etwa auf der Berliner Friedrichstraße auf zwei Kilometern Länge rund 250 Straßenschilder stehen? Weil die Deutschen genau sind und unmissverständlich. Das Haltebucht-Schild "Taxi (14 Taxen)“ wende sich wohl an Chauffeure, so mutmaßt Jürgen Kaube, "die erst einmal langsam vorbeifahren mögen, um abzuzählen, bevor sie, nunmehr im Gefühl der Berechtigung, ihren Wagen abstellen“. Wer ein Volk verstehen will, muss eben seine Zeichen lesen lernen. Das ist gut beobachtet und durchaus kurzweilig geschrieben.

 

Christiane Wolters

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Weitere Schlagzeilen

Das Buch Kompakt
  1. Jürgen Kaube: Otto Normalabweicher
  2. Verlag: zu Klampen, 2007
  3. ISBN: 3-86674-014-3
  4. Preis (EURO): 16.00


 
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